Über den Eurythmie-Unterricht
Das letzte Jahrhundert hat zahlreiche Faktoren hervorgebracht, die es Kindern heute erschweren, selbständig groß zu werden. Umweltbelastungen, unablässig wachsende Hektik, Leistungsdruck, allgemeine Technisierung und der Verlust eines Geborgenheitsgefühls in der Natur umgeben sie fast ständig und nehmen so Einfluss auf körperlichen, seelischen und geistigen Aufbau. Zwar kann, und sollte, im konkreten Einzelfall jeder Faktor auf seine Notwendigkeit geprüft werden; allgemein können und wollen - wir jedoch oft Zeiterscheinungen nicht aus dem Weg gehen. Es ist nicht das Ziel das Rad zurückzudrehen.
Ein hohes Ziel der Waldorfschule ist deshalb, die Kinder in ihrer Persönlichkeit so zu stärken, dass sie später den Anforderungen (und Belastungen) ihrer Zeit körperlich und seelisch gesund als voll entwickelte Menschen gegenübertreten können. Die Entwicklung von innerer Freiheit, Urteilsfähigkeit und Willenskraft steht deswegen an oberster Stelle und wird, altersgemäß differenziert, verschiedentlich zu verwirklichen gesucht. In diesem Zusammenhang spielt die Eurythmie eine zentrale Rolle.
Was ist Eurythmie?
Von 1912 an entwickelte Rudolf Steiner die Eurythmie als eine Bewegungskunst. Es entstanden die Lauteurythmie und die Toneurythmie.
Lauteurythmie: Bewegungen zu Sprache. Bewegungsimpuls sind die Laute, Konsonanten und Vokale, aber auch seelische Inhalte, die ausgedrückt werden sollen (z.B. Freude, Trauer, Ehrfurcht).
Toneurythmie: Bewegungen zu Tönen, Klängen, Musik. Bewegungsimpuls sind die einzelnen Töne und Intervalle, aber auch musikalische Grundelemente wie Takt, Rhythmus und der Melodiebogen.
Ursprünglich als reine Bühnenkunst konzipiert, entwickelte sich die Eurytmie bald auch hin zu den Aufgabengebieten der Pädagogik und Heilkunst. Es entstanden die Pädagogische Eurythmie und die Heileurythmie.
Wenn von Eurythmie - Unterricht an einer Waldorfschule die Rede ist, ist immer die Pädagogische Eurythmie gemeint. In der Waldorfpädagogik wird dem Fach Eurythmie eine große Bedeutung beigemessen. Vom ersten bis zum zwölften Schuljahr haben alle Schüler eine bzw. ab der fünften Klasse zwei Eurythmiestunden pro Woche. Auf öffentlichen Monatsfeiern kann man den Weg von einfachen, elementaren Übungen zu ausgestalteten, künstlerisch gegriffenen Werken miterleben.
Was will Eurythmie?
Wie schon oben erwähnt, will die Eurythmie die Kinder in ihrer perönlichen Entwicklung unterstützen. Einige Beispiele mögen hier genannt sein:
Geometrische Übungen im Raum: Wir erüben in der Gruppe geometrische Raumformen (Dreieck, Viereck, Stern...) ohne äußere Anhaltspunkte wie Markierungen. Das ganze kann nur gelingen, wenn alle gemeinsam konzentriert sind und die Form (d.h. nicht nur den eigenen Weg, sondern auch die Wege der Mitschüler) im Bewusstsein haben. Deutliche Gestaltung der eigenen Bewegung bei gleichzeitigem Einfügen in die Ganzheit ist hier das Hauptziel. Es geht nicht darum, der „Erste“ zu sein oder es am „besten“ zu machen, sondern um das soziale Miteinander ohne dass der Einzelne sich dabei aufgibt.
Aus einer Arbeit mit der 4. Klasse:

Da alle Formen meist zu einem Publikum ausgerichtet sind, entstehen viele Wege, die nicht vorwärts, sondern seitwärts, schräg nach vorne oder hinten oder sogar ganz rückwärts gegangen werden, etwas, was vielen Laien schwerfällt, weil der zu Teil nicht sichtbare Weg „erspäht“ werden muss. Sich selbst zu vertrauen und seinen Weg richtig zu gehen sind hohe Fähigkeiten in der Eurythmie wie auch im Leben.
Umgang mit seelischen Inhalten
Wir tauchen ein in die verschiedensten Stimmungsbilder: Freude, Schmerz, Enge, Weite, Liebe, Andacht, Hass, Staunen, - im Musischen in Dur, Moll etc. Wichtig sind Wahrheit der Empfindung und Ehrlichkeit des Ausdrucks. Ein Gefühl soll wirklich erlebt und von innen heraus ausgedrückt werden.
Als Lehrer kann man immer wieder beobachten, wie für Momente die ganze Persönlichkeit des Kindes oder des Jugendlichen aufleuchtet.
In dieser Weise möchte die Eurythmie Bausteine legen zur Entfaltung der Individualität.
Koordinations- und Geschicklichkeitsübungen
Durch zahlreiche Übungen (Klatschen, Stampfen, Bewegungen mit dem Kupferstab) soll die Eurythmie den Organismus beleben und harmonisieren. Wer selbst einmal versucht, einen anderen Rhythmus zu klatschen als zu gehen, wird bald die Schwierigkeit daran ebenso erkennen wie die wohltuende Wirkung.
Es wäre schön, wenn bald immer mehr Menschen die Schönheit der Eurythmie und ihre Aktualität erkennen könnten.
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