Fremdsprachenunterricht

Schon vom ersten Schuljahr an erlernen die Kinder zwei Fremdsprachen. Bei uns sind dies Englisch und Französisch, zunächst auf eine mehr nachahmende, spielerisch-übende Art. Von Anfang an wird versucht, einsprachig vorzugehen, d.h., die Schüler übersetzen zunächst nicht von der Vokabel aus, sondern leben sich mit ihrem Sprachsinn ein. Das Schreiben und Lesen der fremden Sprachen wird dann ab der 4. Klasse gepflegt.


Fremdsprachen in der Grundschule - Zwei Fremdsprachen ab der 1. Klasse

Nahezu alle Eltern wünschen sich heutzutage, dass ihr Kind mindestens eine Fremdsprache lernt. Dieses Bedürfnis hat sei den 70er Jahren ein derartiges Ausmaß angenommen, dass es schon soziale Folgen hat, wenn man nicht wenigstens einigermaßen Englisch spricht.

Aber wann ist der beste Zeitpunkt, um mit dem Lernen einer fremden Sprache zu beginnen?

Schon in den 50er und 60er Jahren hatten neurophysiologische Untersuchungen gezeigt, dass man vor dem 10. Lebensjahr einen viel leichteren Zugang zu Fremdsprachen findet als danach. Heute sind die Vorteile des Frühbeginns unbestritten und so hat der Englischunterricht an vielen staatlichen Grundschulen schon Einzug gehalten.

Waldorfschulen können im Bereich des frühen Fremdsprachenunterrichts bereits auf eine mehr als 80jährige Erfahrung zurückblicken, denn seit der Gründung der 1. Waldorfschule 1919 in Stuttgart lernen alle Waldorfschüler weltweit vom ersten Schuljahr an zwei lebende Fremdsprachen, in der Regel Englisch und Französisch. Viele Schulen bieten statt Französisch auch Russisch an.

Beim Lernen von Fremdsprachen orientiert man sich an Waldorfschulen sehr stark am Muttersprachenerwerb. Ein Kleinkind erlernt seine Muttersprache über das Sprechen spielerisch durch Nachahmung und ständige Wiederholung. Und so wie ein kleines Kind von Anfang an in die Gesamtheit der Muttersprache eintaucht, so soll dem Erstklässler die fremde Sprache in einer großen Fülle begegnen. Der methodisch-didaktische Leitgedanke folgt also nicht dem Prinzip vom Leichten zum Schweren.

Ein weiterer wesentlicher Gesichtspunkt des Unterrichts ist die Begegnung. Wenn das Sprechen mit Körperbewegungen verbunden ist, kommt das nicht nur dem Bewegungsdrang der Kinder entgegen, sondern bedeutet auch eine große Erleichterung für das Gedächtnis. Je körperbezogener Sprechakte angeboten werden, desto leichter können sie Kinder reproduzieren. Die Leichtigkeit, mit der Menschen im Ausland eine fremde Sprache lernen ist zum großen Teil darin

dass man Sprechen und Handeln auf lebendige Weise miteinander verknüpft, und nicht Wörter und Strukturen lesend aus einem Lehrbuch aufnimmt.

Das Bewegungsrepertoire an Waldorfschulen erstreckt sich dabei von Fingerbewegungen, die einen Reim begleiten, über Arm- und Beinbewegungen, passend zu einem Gedicht, bis zur Bewegung des ganzen Körpers bei der szenischen Darstellung eines Märchens zu Beispiel. In jeder Unterrichtsstunde sollen Sprechen und gleichzeitiges Tätigsein miteinander verknüpft werden, z.B. beim Ausführen von Handlungsanweisungen (Please stand up, go the blackbord, raise your left arm etc.)

Unbedingt zu vermeiden sind in den ersten drei Schuljahren Erklärungen grammatischer Regeln, oder Übersetzungen, denn alle intellektuellen Verfahren stören die unbewusste Aneignung der Fremdsprache.

Am Ende der 3. Klasse beherrscht ein durchschnittlich begabtes Kind die wichtigsten Laute der 2. Fremdsprachen, hat ein sicheres Gefühl, für die andersartige Satzmelodie, kann sich an einfachen Gesprächen über das Wetter, die Familie, die Schule beteiligen und hat einen großen Fundus von Kinderreimen, Gedichten, Liedern und Spielen verschiedener Art.

Somit haben sich die Kinder eine Grundlage für das gedankliche Durchdringen einer Fremdsprache in der Mittel- und Oberstufe erworben.

Petra Frenzel