Der praktisch-künstlerische Unterricht an der Waldorfschule
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Plastizieren
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Aufgaben und Ziele
Kann man Werken abwählen ?
Kann man das Werken/Handarbeit nicht abwählen? Wieso soll ich Malen, ich werde doch niemals Künstler werden... Wofür ist Plastizieren eigentlich gut?
So oder ähnlich bringen immer wieder SchülerInnen der Oberstufe ihre Unlust oder ihr Unverständnis zum Ausdruck, gerade den künstlerisch praktischen Unterricht als sinnvolles Lernen zu erleben.
Ohne Zweifel sind diese Fragen berechtigt, und die SchülerInnen wollen dieselben ernsthaft beantwortet wissen. Was da gewöhnlich nur auf einfache Art geschehen kann, soll hier nun etwas ausführlicher zur Sprache kommen.
Was sind die Grundlagen des praktisch-künstlerischen Unterrichts?
Mit der Gründung der Waldorfschule erarbeitete Rudolf Steiner eine Pädagogik, die in ihrem Aufbau der Entwickelung des Kindes und des Jugendlichen folgt. Entsprechend werden Inhalte und Methoden gewählt, um diese Entwickelung zu begleiten bzw. anzuregen. Dabei ist die wesentliche Neuerung, dass Rudolf Steiner den Menschen, den Schüler/die Schülerin in den Mittelpunkt des Erziehungszieles stellt und nicht einen gesellschaftlichen Zweck (Bedarf an Stadtschreibern oder Ingenieuren).
Aus dem Studium der Menschenentwickelung, der sogenannten Menschenkunde, ergab sich die Dreigliederung.
Um die Frage nach der Grundlage von Kunst- und Handwerksunterricht sachgemäß beantworten zu können, müssen wir ein Grundverständnis dessen gewinnen, was man sich unter Dreigliederung vorzustellen hat. Unter Dreigliederung versteht man die drei Bereiche des "Denkens, des Fühlens und des Wollens:
- Dabei ist der Bereich des Denkens, der des kognitiven Lernens, der Wissensvermittlung der Kenntnisse. Dieser Bereich spricht für sich selbst. Leiblich repräsentiert diesen Bereich weitgehend das Haupt.
- Der Bereich des Fühlens ist das Gebiet des seelischen Erlebens, der Ort, wo Lust und Unlust, Erlebnisse wie schön oder hässlich, gut oder böse, wahr oder falsch beheimatet sind. Sympathie und Antipathie sind hier die allgemeinen Gegensätze deren Erleben den Menschen zum UR teil führt. Leiblich erlebt man das Gefühl im oberen Rumpf, verbunden mit Atem und Herzschlag.
- Der Bereich des Wollens ist das Gebiet, wo der Mensch gestaltend, schaffend die Welt ergreift. Es beginnt in der Handarbeit, geht über das Schreiben oder jegliches künstlerisches Gestalten bis zum Erbilden klarer Gedankengänge. Hier also gilt die Tat! Leiblich wird das Wollen hauptsächlich durch den Stoff-wechsel und die Gliedmaßen (Arme und Beine) repräsentiert.
Diese drei Bereiche sind im lebendigen Organismus nie ganz voneinander zu trennen und stehen zueinander natürlich in Wechselwirkung. Sie sind durch den Unterricht anzusprechen und, was noch viel wichtiger ist, durch den Unterricht in "Einklang" zu bringen, um den Menschen in gesunder Weise in seiner Entwickelung zu fördern.
Jede andauernde Einseitigkeit hat schließlich ihre krankmachende Wirkung zur Folge. Diese kann auch erst im hohen Alter als Krankheit in Erscheinung treten, womit für uns der Zusammenhang mit Kindheits- und Jugenderlebnissen gewöhnlich nicht mehr erkennbar ist.
Auf diese Zusammenhänge hat Rudolf Steiner die Lehrer besonders aufmerksam gemacht, und damit aus seiner Seelen- und Geistesforschung ein ganz neues Licht auf die Bedeutung und Wirkung von Unterricht hingewiesen. Unterrichtsinhalt und -methode erhält damit sein besonderes Gepräge.
Der Mensch in seinem gesamten Wesen bedarf auf verschiedenen Ebenen angesprochen zu werden, damit das organische Ganze sich entfalten kann. Gelingt der Harmonisierungsprozess von Denken, Fühlen und Wollen, so kann man zu recht von einem Heilungsvorgang des Menschenwesens sprechen.
Auf diesem Untergrund ist nun leicht einsehbar, warum der Waldorflehrplan neben den Fächern des kognitiven Lernens den künstlerischpraktischen Unterricht mehr betont als das gewöhnlich der Fall ist.
Der ganze Mensch soll in der Schule den Raum zur Entfaltung bekommen. Rudolf Steiner spricht in diesem Zusammenhang vom Aufwecken des schlafenden Menschen.
Wir könnten nun den schon bekannteren Ausspruch hinzufügen:
Ausbildung von Kopf, Herz und Hand, der abgekürzt unsere Skizze zur Dreigliederung wiedergibt.
Im Allgemeinen wird heutzutage das Lernen stark auf Wissensvermittlung ausgerichtet. Es wird hauptsächlich der Intellekt, der Kopf an-gesprochen.
Darüber hinaus will Waldorfpädagogik den werdenden Menschen gleichermaßen durch künstlerisches Üben im Bereich des Fühlens anregen.
Schließlich soll der handwerkliche Unterricht dem tätigen, wollenden Menschen ein Entwicklungsfeld anbieten.

Stellen wir uns also die Frage:
Wie kann uns denn der künstlerische Unterricht bei der Gefühlsentwickelung behilflich sein?
Hier kann uns eine einfache Betrachtung helfen. Wenn man vor der Aufgabe steht, mit Kohle eine vom Mond beleuchtete Landschaft zu gestalten, so wird der gesamte Malvorgang nur wenig das Denken ansprechen. Damit kann ich gerade noch die Gesetze der Perspektive einbringen oder die Erinnerung an bereits gesehene Landschaften. Aber das Erzeugen des Scheines , der Reflektion des Lichtes auf dem Grunde wird weitgehend das Erleben des Malers erfordern. Es wird die Seele also wach machen in Bezug auf diese Fragestellung. Der gesamte Malvorgang, soweit er bewusst geschieht, ist ja ein ständiger Be-urteil-ungsprozess ! Hier ist hauptsächlich das Gefühl gefragt.
Oder ein anderes Beispiel:
Gestalte vier Linienzüge in einem harmonischen Zusammenklang als Rosette im Fünf- oder Sechsstern.
Durch diese Aufgabe wird die Phantasie angeregt und der Schönheitssinn geweckt, der den schöpferischen Vorgang begleiten muss, mit der Frage: Ist das Hervorgebrachte harmonisch, passen die Linienzüge wirklich zusammen, sind die Abstände zueinander wirklich stimmig ? Und man kann verblüfft sein, wie man seine Aufmerksamkeit (Wachheit) dahingehend steigern kann, bis auf Millimeter genau anzugeben, ob der Abstand zweier Linien zueinander passt oder nicht. Solche Schöpfungsvorgänge fallen oft nicht leicht. Sie beleben den Menschen.
Die Kunst bei der Sache ist, ansprechende Motive oder Themen zu wählen. Denn hier kann das Ziel auf vielfältige Weise erreicht werden. Da gehört neben einer Einschätzung der Lage und dem Unterrichtsgespräch nicht selten eine Portion Glück, gerade das Richtige für diese Klasse getroffen zu haben, dazu.
Dass man seine Gliedmaßen gebrauchen muß, um Handarbeiten aus-zuführen, Wolle, Holz, Kupfer, Papier, Ton oder Stein zu bearbeiten, braucht nicht weiter erklärt zu werden. Jede handwerkliche Arbeit trägt den Grundzug, dass ein geplantes Werkstück in einem Stoff verwirklicht werden soll. Dabei ist das hier Bedeutende, dass ein Gedanke, z.B. Ich möchte ein Buch binden, durch einen-in der Sache liegenden-Arbeitsablauf gelenkt und korrigiert wird. Dadurch wird rückwirkend der Handwerker belehrt über Material, Zusammenhänge der physischen Welt, aber auch über sich selbst, seine Konzentration, Geschicklichkeit und Ausdauer.
Nach der Klassenlehrerzeit ist in der Oberstufe dieser Aspekt bedeutend: Der Schüler wird nicht belehrt vom Lehrer, sondern er lässt sich belehren aus der Sache! Er lernt erkennen, daß es viel leichter ist, eine fertige Arbeit zu be- urteilen als dieselbe herzustellen. Es ist schneller ein Buch gedacht als gebunden. Erst das selbst hergestellte Buch verbindet den Schüler mit der Sache. Er schätzt das Gewordene, er schätzt seine Leistung.

Während man durch theoretischen Unterricht von der geistigen Seite auf den Menschen wirkt, wird hier von der leiblichen Seite auf den Geist gewirkt, womit der Grundgedanke der Entwickelung des Menschen im harmonischen Zusammenklang des physisch-leiblichen mit dem seelisch-geistigen erkennbar vollzogen wird. Die gesamte Menschenkunde Rudolf Steiners ist von diesem roten Faden durchzogen.
Abschließend sei noch angemerkt, dass die Vielfalt der Handwerke den Schülern die stete Wiederholung desselben in veränderter Form abverlangen. Besonders die stete Wiederholung einer Sache stärkt den Willen, die Ausdauer! - Die Variation des Materials hält die Wiederholung attraktiv.
In vielen Jahrhunderten handwerklicher Zunft hat diese Arbeit langsam seine Individualität herangebildet. Handwerk war ein Baustein zur menschlichen Persönlichkeit unseres technischen Zeitalters.
Diese persönlichkeitsbildende Kraft hat einen berechtigten Platz in der Schule, die nach der Bildung der Persönlichkeit den jungen Menschen reif in das neue, technische Zeitalter entlassen soll, welches diese Bildung nicht zu leisten vermag, dieselbe vielmehr voraussetzt.
Insofern ist der handwerkliche Unterricht keineswegs altmodisch, sondern ausgesprochen zeitgemäß.
A. Zinke
Lehrer für Kunst und Handwerk
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