NATURKUNDE - VON GEBURT AN?
Naturerfahrungen bestimmen das Dasein des Menschen tatsächlich vom ersten Atemzug an. Die Erfahrung der Schwerkraft, die Atmung und der Stoffwechsel verlangen, dass sich das neugeborene Kind in unsere irdischen physischen Verhältnisse eingliedert. Die Sinnesorgane zu verwenden ist als zweite Wurzel einer naturkundlichen Betätigung zu sehen. Die Schulung der Sinne ist eine weitere Hauptaufgabe der frühen Kindheit, der Kindergartenzeit und der ersten Jahre in der Schule. Das Zurechtfinden in unserer mittlerweile fast vollständig „technisierten“ statt „natürlichen“ Umwelt möchte auf Grund ihrer heute herausragenden Bedeutung als selbstständige Aufgabe genannt sein.
Die allgemeine Pflege dieser Themen findet in den Anfangsklassen der Waldorfschule in mannigfacher Weise statt: Spielen, Turnen und Eurythmie, Wanderungen und Spaziergänge, die Pflege der Zimmerpflanzen im Klassenzimmer, die Erlebnisse beim Besuch von Handwerkern in der dritten Klasse, der frühe handwerkliche Umgang mit Ton, Wolle oder Holz geben Anlass zum Kennenlernen unserer stofflichen Welt und ihrer sinnlichen Erfassung.
Der naturwissenschaftliche Unterricht schließt an diese Vorbedingungen an, sobald der junge Mensch beginnt, sich von seiner Umwelt zu distanzieren. Die vorher reale Einheit des Kindes mit der Welt zerbricht. Dieser Moment im Menschenleben, in dem zum Beispiel das Kind die vorher fraglose Autorität seiner Eltern prüft („Bist Du wirklich mein Vater“), liegt im neunten bis zehnten Lebensjahr. Jetzt ist das Kind überhaupt erst seelisch in die Lage versetzt, die Welt „von außen“ wahrzunehmen, also eine „naturwissenschaftliche Beobachtung“ durchzuführen. Vorher betrachtete sich das Kind stets als Teil dieser Welt .
DER NATURKUNDLICHE UNTERRICHT DES KLASSENLEHRERS
Als erste systematische Zusammenschau eines naturkundlichen Stoffgebiets erleben die Kinder in der vierten Klasse eine Epoche in Tierkunde. „Erleben“ meint tatsächlich ein Beobachten seelischer Qualitäten im Tierreich, ein Vergleichen der Verhaltensweisen der Tiere und ein Nebeneinander- oder Gegenüberstellen der Tiere und auch des Menschen. Es geht also vornehmlich nicht um eine zoologische Systematik, sondern um differenziertes (inneres und äußeres) Wahrnehmen und ein vergleichendes Urteilen. Diesen Charakter behält die Naturkunde auch in der Pflanzenkunde-Epoche der fünften, in der Physik-Epoche der sechsten und in der Chemie-Epoche der siebten Klasse. Schrittweise wird das vergleichende Urteilen vertieft und die Beobachtungsfähigkeit ausgeweitet.
Nach den Anfangs-Epochen in Biologie, Physik und Chemie findet für alle drei Gebiete ein zunehmend systematischer Durchgang statt, der bis zum Abschluss der Schulzeit die wichtigsten fachwissenschaftlichen Erkenntnisse vermittelt. Dabei wird weiterhin die seelisch-geistige Entwicklung der Schüler berücksichtigt, indem die Inhalte ihr entsprechend gewählt werden.
DER PHYSIK-LEHRPLAN IN DER OBERSTUFE (KLASSE 9 BIS 13)
Die Schüler sollen in der Oberstufe an Hand komplexer werdender physikalischer Situationen zu einer vertieften Betrachtung der uns umgebenden Technik angeregt werden. In der neunten Klasse untersucht man das Telefon und die Antriebsmaschinen (Dampfmaschine und Benzinmotoren). In der zehnten Klasse lernen die Jugendlichen, dass die Mechanik auf fast natürliche Weise mit Hilfe der Mathematik durchdrungen werden kann. Es entsteht eine natürliche Ordnung und es werden klare Wege zur Problembewältigung angegeben. In dieser Zeit steckt der jugendliche Mensch in seinem stärksten seelischen Umbauprozess. Hilfreich ist da eine Umgebung, die geordnet und klar strukturiert ist: Das Gefühl, die ihn umgebende Technik in ihren geradlinig kausalen Abläufen komplett verstehen zu können, hilft ihm über sein inneres Chaos hinweg.
Die formale mathematische Durchdringung der Physik in der zehnten Klasse, in der die Pubertätsphase zu Ende geht, bildet Abschluss und Krönung dieser kausalen Weltsicht. Mit dem Gefühl, endlich völlig festen Boden unter den Füßen zu haben, soll der Jugendliche die zehnte Klasse beenden.
In der elften Klasse sollen die Schüler moderne Technik studieren. Ein Denken außerhalb unserer sinnlichen Anschauung in einem in sich logischen aber nicht direkt nachprüfbaren „Modell“ muss bei der atomaren Struktur der Materie angewendet werden. Die Schüler müssen feststellen, dass die moderne Physik auf Vorstellungen basiert, die (heute noch) in philosophischem Streit begriffen sind. Aber die „harten“ physikalischen Fakten erlauben auch keine Beliebigkeit für die Weltmodelle. Insofern kann die moderne Physik für die jungen Erwachsenen ein Modell sein für ein angemessenes Verhältnis zur Gesellschaft. Einerseits ist stets die persönliche Stellungnahme, das Beziehen des persönlichen Standpunktes notwendig. Andererseits muss sich dieser persönliche Standpunkt an den realen Verhältnissen der Umwelt messen und prüfen.
ABSCHLÜSSE UND NATURWISSENSCHAFTLICHER UNTERRICHT
Wenn der naturwissenschaftliche Unterricht an der Waldorfschule auch tiefe erzieherische Wirkung haben soll, so muss er natürlich auch fachliches Wissen und Können ermöglichen. Die Schüler der Waldorfschule Hof zeigen dies regelmäßig, indem sie für die Mittlere Reife (in Physik oder Chemie) oder für das Abitur (im Grundkurs Biologie oder der Astrophysik bzw. im Leistungskurs Biologie) auch in naturwissenschaftlichen Fächern erfolgreich zu den Prüfungen antreten. Und einige unserer ehemaligen Schüler studieren mittlerweile naturwissenschaftliche Fächer.